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Lyrik aus der Reimschneiderei

Ab 29. Januar 2016 ist der Lyrikband „TASSENSCHRANKLOS“ erhältlich. Bestellen sie in der Buchhandlung ihrer Wahl ISBN 978-3-95771-077-2 oder direkt beim Größenwahnverlag

 cover TSL

online-Vorschau auf den Lyrikband hier

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Vorwort TASSENSCHRANKLOS von Frank Schablewski

Schnappschuss Gedichte von subjektiver Wirklichkeit

In der jüngeren Zeit ist es das »Selfie«, der Schnappschuss vom »Ich«, das in Sekundenschnelle eine Weltwirklichkeit erleben lässt. Wie kann Sprache und ihr sensibelster Ausdruck, das Gedicht, auf derartige Phänomene des menschlichen Ausdruckswillens reagieren. Die Einzigartigkeit des Augenblicks erscheint wie ein Kontrapunkt zur schnellen Machbarkeit der Selbstportraits. Ist es überhaupt möglich die Gattung Gedicht über die Gattung der Fotografie näher zu beleuchten? Es heißt, wenn man die Farben weglässt, werden Form und Umriss klarer. Das Gedicht wird in der Buchform, in diesem Schwarzweiß, wiedergegeben. Die Momentaufnahmen, die Zufälligkeiten, die Gelegenheiten, die so oft »Selfies« auszulösen scheinen, bilden den Ausgangspunkt der Gedichte von Pamela Granderath. Die Leichtigkeit des flüchtigen Moments hält sie in Zeilen fest. Die Bilder, die in ihren Zeilen auftauchen, erzeugen Gefühle, weil sie verletzlich, verwundbar und nicht perfekt zu sein scheinen. Die Beschränkung auf das Allernotwendigste verwandelt ihre Lyrik in Miniaturen von fragiler Einfachheit, als wollte die Lyrikerin ein anderes Zeitdenken etablieren. Durch Verzögerungen im Schreibprozess sind die Texte anders wahrzunehmen, einzelne Worte und Töne bekommen mehr Gewicht.

Der Titel des Gedichtbandes verweist auf die Redewendung »nicht alle Tassen im Schrank haben«, die umgangssprachlich darauf verweist, dass jemand nicht recht bei Verstand sei. Was scheint dieses körperlose Objekt, das Pamela Granderath als Gedanke, Gegengedanke, entwirft, zu sein? Es geht auch ihr um die Bedeutung von Sprache und Schrift. Es geht ihr um den Einfall, die Inspiration, die, so alltäglich sie zu sein scheint, immer ein absurdes wie weitreichendes Motiv beinhaltet, dem die Lyrikerin nachgeht:

& dünnes Papier

das bin ich

verweist auf dünnes Eis man denke an Georg Heym, das die Grundlage des Schreibens ist. Das Unzweifelhafte interessiert die Dichterin nicht. Sprache ist zweifelhaft in der Welt der Bilder. In der Lautstärke der Gegenwart klingen ihre Gedichte in ihrer Lautlosigkeit. Pamela Granderath scheint sich der Kraft bewusst zu sein, die in der Stille liegt. Der leise Ton bewirkt ein aufmerksameres Zuhören und Lesen. Es scheint paradox: Die Stille funktioniert wie ein Verstärker. Je einfacher und leichter die Sprache beim ersten Lesen erscheint, desto mehr Tiefe entdeckt man, je vertrauter sie einem wird. Als Leser wird man in den entsprechenden Text hineingezogen, was komplexere Wortkombinatio-nen oft nicht schaffen. So zeigt sich die Möglichkeit, mit sehr wenig auszukommen, vielleicht nur mit ein paar klugen und bedeutsamen Versen. Doch müssen diese paar Zeilen dann auch entsprechend gut sein und viel aussagen. Dem Wenigen wirklich Gewicht zu geben, heißt manchmal radikal zu streichen, bis nur noch die tatsächlich starken Teile übrig bleiben. Oft ist es nicht nötig, alles preiszugeben, um auszudrücken, was es zu sagen gibt. So in dem Gedicht »das Schreiben ist«

das Schreiben ist

wenn man so will

das was man zu lieben bereit ist

und von dem man möchte

das es bleibt

Exemplarisch erscheint dieses Gedicht wie eine Miniatur, fast beiläufig, als Textgebilde, das ganz auf die große Geste verzichtet. Es wirkt wie ein Gelegenheitstext, aus dem Augenblick heraus entstanden, ganz einer momentanen Inspiration entsprungen. Worte, scheinbar flüchtig hingeworfen, bilden die Gedichte, die bisweilen kaum eine halbe Seite lang sind und dennoch eine träumerischere Sinnlichkeit ausstrahlen und wie luftige Wortfolgen erscheinen. Das Tempo wirkt mehr oder weniger unverändert. Die außergewöhnliche Sparsamkeit der Mittel charakterisiert die Konzentration auf das Wesentliche und die Abwesenheit von Sprachgewandtheit, Wortspiel und Verzierungen. In dieser Einfachheit und Nebenläufigkeit der Lyrik von Pamela Granderath kann man einen Widerhall der Ideen einer Else Lasker-Schüler oder einer Silvia Plath lesen. Sie entwirft unaufdringliche Gedichte, die laut gelesen und auch vorgetragen werden können. Das stimmliche Erleben entspricht dem Anspruch des lyrischen Genusses überhaupt. In ihren neuen Gedichten verzichtet Granderath auf jede Emphase und besagte Sprachgewandtheit und erträumt vielmehr kleine verspielte Texturen von einer gewissen Naivität, die einen ganz eigenen Zauber besitzen. Man denke an die naiven Strömungen in der bildenden Kunst, um hier die Bedeutung von Naivität zu spiegeln. Der Autorin geht es um das Unspektakuläre. Durch die Sprache macht sie eine Umgebung wahr, deren Poesie es herauszustreichen gilt. Für die Dichterin ist alles Literatur. Es geht ihr darum Umgangssprache literarisch zu nutzen. Es ist eine Literatur der Realität, die die Grundidee der Poetik von Pamela Granderath kennzeichnet. Schöne Sprache war immer mit Dichtung oder gar Liturgie verbunden. Als Dichterin schaut sie mehr nach innen und arbeitet an Empfindsamkeit, die sehr klein, sehr still und leicht zu erzielen scheinen. Das Erstellen ihrer Gedichte bedeutet keine große Anstrengung aufzubringen und erfordert doch viel Zeit. Ihre Lyrik betont den Körper, das Physische eines Menschen, einer Landschaft, einer Stadt, der Zeit, des Schreibens. In dem Gedicht »Postkartenidylle« ist diese Doppelbelichtungen der Sprache beispielhaft:

Postkarten sind langsam und

keine neuen Nachrichten

sind die Schlimmsten

denn meine Phantasie

ist grausam zu mir

ich packe deine Grü.e

in meine Tränensäcke

und segele auf dem Meer

meiner Augentropfen

besteige ohne Schuhe

meine Gedankenberge

und schwebe hinunter

mit leiser Verwirrung (…)

Hier richtet sich das Gedicht eher an das Gefühl, weniger an den Intellekt. Die einfache, rhythmische Idee eines Schreibstils wird von simplen, aber kompakten Sätzen getragen. Das gibt jedem Gedicht von Pamela Granderath einen eigenen, besonderen Sog.

Frank Schablewski

 

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